Eine neue Ausbildungsinitiative in Ungarn

Eine neue Ausbildungsinitiative in Ungarn

Eine neue Ausbildungsinitiative in Ungarn

Bericht von Rüdiger Janisch aus USA, 20.08.2019

Nachdem Nicoletta Kovács und Ovidiu Recean ein Jahr in The Camphill School in Beaver Run (Pennsylvania, USA) gelebt und an der Ausbildung der Camphill Academy teilgenommen hatten, begann die lange gehegte Intention und Suche, eine anthroposophisch heilpädagogische Ausbildung in Ungarn einzurichten, deutlichere Gestalt anzunehmen. Zurückgekehrt nach Ungarn im Sommer 2018 kontaktierten sie alle interessierten ungarischen LehrerInnen, ErzieherInnen, TherapeutInnen, SozialpädagogInnen u. ä., von denen sie wussten, dass sie eine solche Vertiefung ihrer Arbeit suchten. So fanden sich fast 40 Menschen zusammen.

Ein ausdrücklicher Wunsch der InitiatorInnen dieses Bildungsimpulses war, die anthroposophische Heilpädagogik nicht als ein Spezialgebiet einzuführen, sondern sie in einen Gesamtzusammenhang des kulturerneuernden Impulses einer zeitgemäßen Anthroposophie einzubetten.

Bei Jan Göschels Besuch als Auftakt im November 2018 stand einführend das Thema «Beziehungskünstler werden» im Mittelpunkt. Das war auch die erste Gelegenheit für die Teilnehmenden, sich kennenzulernen.

Das erste Modul der Weiterbildung, die sich bis Oktober 2020 erstrecken wird, fand im April 2019 in Budapest statt. Rüdiger Janisch aus der Camphill Academy und der Camphill Schulgemeinschaft Beaver Run in den USA war als Dozent eingeladen. Die Teilnehmenden begegneten anhand der Architektur, Plastik, Malerei und den Motiven des Ersten Goetheanum dem Bauimpuls für ein geistig-soziales Goethenaum als Quelle für den kulturerneuernden Impuls der Anthroposophie. Die Grundsteinmeditation der Weinachtstagung 1923/24 als eine Metamorphose wird die weitere Arbeit begleiten. Sie dient als eine Inspirationsquelle für den Gemeinschaftsbildungsimpuls und die heilpädagogische Arbeit.

Auf diesem Hintergrund machte sich die Gruppe auf den Weg, ein möglichst urteilsfreies Wahrnehmen zu üben. Dabei arbeitete sie mit vielen verschiedenen Beobachtungsbereichen, denen man bei einem Menschen begegnen kann, wie Bewegung, Sprache, Sinne, Erinnerungsfähigkeit usw. Die Übungen bestanden aus Selbsterfahrungen mit vertrauten Alltagstätigkeiten, die mit bestimmten Herausforderungen verbunden ausgeführt wurden. So wird zum Beispiel bei Bewegungs- und Sinneserfahrungen mit verbundenen Augen das, was sonst selbstverständlich ist, mit neuem Bewusstsein erlebt. Dadurch können sich diese Betätigungen neu und möglicherweise auch differenzierter aussprechen, also etwas aus sich selbst mitteilen.

Nach dieser Vorbereitung bekamen die Teilnehmenden die Aufgabe, eine Person, die ihnen am Herzen liegt, durch Beschreibung, Demonstration und Illustrationen den anderen Teilnehmenden so zu vergegenwärtigen, als ob die Person anwesend wäre. Diese Präsentationen wurden beim nächsten Modul im Juli 2019 in außerordentlich gekonnter, künstlerischer und tief berührender Weise vorgetragen, sodass sich der Kreis der Teilnehmenden imaginär mit jeder Präsentation um eine weitere Person erweiterte.

Dieses 2. Modul wurde von Sonja Zausch mit sozialkünstlerischer Eurythmie und von Andrea Janisch mit Spacial Dynamics und basaler Stimulation ergänzend begleitet. Dabei versuchte die Gruppe, ihre Wahrnehmung durch viele Bewegungsqualitäten sowie durch Plastizieren, Geometrie und Sprache zu vertiefen. Dadurch können die in dem Leib und der Seele wirkenden übersinnlichen geistigen, seelischen und lebendigen Gestaltungskräfte aufwachen und phänomenologisch erkannt werden. Dieses erweiterte Wahrnehmen erlaubt es dann auch, nicht nur deutlichere Einseitigkeiten oder Störungen zu bemerken, sondern auch allmählich klarer zu unterscheiden, ob die Störungen und Besonderheiten des Menschen, den wir wahrnehmen, im Bereich des Physischen, Ätherischen, Seelischen oder Geistigen liegen.

Damit war der Keim für ein «inneres Nachschaffen», ein «inneres Hören» und für ein «inneres Sehen» gelegt.

Im zweiten Teil des Sommermoduls wurden diese Fähigkeiten in den Zusammenhang mit Therapien gebracht. Die Gruppe lenkte ihre Aufmerksamkeit zunächst auf die Nachbilder, im Sinne von Goethe. Diese Übung wurde dann auf andere Sinnesdimensionen ausgeweitet, wie «Nachgeschmack», «Nachgefühl», «Nachklang». Eine außerordentliche Unterstützung und Schulung dafür war die musikalische Arbeit mit Veronika Römer, einer Musiktherapeutin aus den USA, die auch in der Camphill Academy unterrichtet.

Mit der von Rudolf Steiner vorgeschlagenen Reihe von Madonnenbildern wurde das «innere Sehen» geübt. Das «innere Hören» belebte sich durch die von Susanne Müller-Wiedemann entwickelte «Hörraumtherapie» und «Tonstärketherapie», mit denen die Teilnehmenden sich im Folgenden beschäftigten. Mithilfe der griechischen Übungen Stehen, Gehen, Laufen, Springen, Ringen, Diskuswerfen und Speerwerfen findet man den Weg zum Sprachimpuls, zum Worterleben, zum «inneren Erschaffen» des Wortes.

Diese Arbeit schuf auch den inneren Raum für einen Bibelabend, in dem die Geschichte der Heilung des Blinden und des Taubstummen aus dem neunten Kapitel des Matthäus-Evangeliums im Zentrum stand. Als Abschluss dieses Moduls wurden die Worte der Sonntagshandlung für Kinder in Ungarisch gelesen.

Im Oktober geht es weiter mit Leonhard Schuster aus den Lebensorten Rohrlack bei Berlin und im Dezember ist dann Bart Vanmechelen Gast zum Thema der Hochschularbeit und der esoterischen Schulung.

Zwischen den Modulen treffen sich die Teilnehmenden monatlich, um das Gelernte zu vertiefen und sich für das Kommende vorzubereiten. Es ist eine Freude, die Begeisterung, die Ernsthaftigkeit, das tiefe Interesse an der Anthroposophie und die Motivation aller Teilnehmenden zu erleben.

Diesem Impuls wünschen wir, die DozentInnen sowie das Leitungsteam des Councils, alles Gute für die Zukunft, mit der Hoffnung, hier den Keim für eine grundständige Ausbildung in Ungarn gelegt zu haben, aus der heraus dann auch vielfältige Einrichtungen gegründet werden.

Im September 2019 wird die erste anthroposophische heilpädagogische Schule in Budapest ihre Tore öffnen. Dafür senden wir die besten Wünsche und unterstützenden Kräfte!





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