Eindrücke aus Israel

Eindrücke aus Israel

Bei meinem ersten Besuch in Israel Anfang März konnte ich die unglaublich komplexen Spannungsfelder dieses Landes sehr hautnah erleben.
Die gesellschaftlichen, politischen Strukturen sind in einem komplexen Geflecht zu spüren, das an manchen Stellen stärker und an anderen schwächer in die Lebensrealität der vier anthroposophischen heilpädagogisch und sozialtherapeutisch arbeitenden Orte hineinreicht.

Sehr erfreulich war gleich der Beginn, denn am ersten Tag nahmen die vier Einrichtungen meinen Besuch zum Anlass, sich nach vielen Jahren an einem runden Tisch zu versammeln. Es kamen Vertreter*innen aus

  • dem Kibbutz Harduf: Tuvia, dem Lebensort für Kinder und Jugendliche mit herausforderndem Verhalten, und Beit Elisha, der Sozialtherapie
  • Beit Uri, einer benachbarten Stadt, in der sich eine große Gemeinschaft für erwachsene Menschen vor vielen Jahren gefunden hat
  • Quar Rafael, einer Camphill-ähnlichen Gemeinschaft mit langer Tradition im Süden des Landes, und theoretisch eine Kollegin aus der jungen heilpädagogischen Schule in Jerusalem «Dvir». Sie musste leider auf dem Weg in den Norden wieder umkehren und ich traf sie zwei Tage später vor Ort in Jerusalem.

Die Grundstimmung dieser Runde war, dass man staunend zur Kenntnis nahm, worin die Herausforderungen jeder Initiative bestehen. Denn die Komplexitäten aufgrund der Finanzierung, Religionszugehörigkeit, auf dem Land oder in der Stadt, Fragen der Inklusion usw. sind und werden sehr unterschiedlich beantwortet.
Die Themen, die sich gemeinsam sehr deutlich zeigten, sind im Folgenden zu lesen und ich würde mich freuen, wenn wir als internationale Gemeinschaft auch diesem Land unsere Unterstützung zeigen können, indem wir sie lebendig in unser Netzwerk einbinden.

Die Kolleg*innen wünschen sich ein Format für Weiterbildungen für alle Einrichtungen. Mein Vorschlag war, eine Art Wanderakademie zu entwickeln, in der in einem zuverlässigen Format von z. B. vier Mal/Jahr an 2–3 Tagen Themen mit Gastdozent*innen aufgegriffen werden. Im laufenden Jahr könnten sich Peergruppen vor Ort bilden, die sich im Sinne der kollegialen Beratung immer weiter beraten, schulen und gemeinsam thematisch vertiefen.

Themen sind:

  • Partnerschaften: Wie können in der Sozialtherapie Möglichkeiten für diverse lebendige Partnerschaften der Menschen mit Assistenzbedarf unter der Berücksichtigung der religiösen Bedürfnisse gestaltet werden? Das ungewöhnlichste Beispiel für mich auf der Reise war in einem religiösen (jüdischen) Kibbutz (Merav), das in Kooperation mit Beit Uri zwei Wohngruppen für erwachsene Menschen mit Assistenzbedarf aufgebaut hat: Die beiden Wohngruppen liegen 500 m entfernt und sind geschlechtergetrennt, denn das folgt der jüdischen Tradition.
  • Sexualität: Das Thema schließt teilweise an die Frage der Gestaltung der Partnerschaften an und trifft aber auch die Jugendlichen und Eltern.
  • Doppeldiagnose: In der kleinen heilpädagogischen Schule in Jerusalem sind zu 90% Kinder mit sehr komplexen Behinderungsbildern täglich zusammen. Für diese Aufgaben gibt es in Israel keine Ausbildungen. Eine gute entwicklungsgestützte Begleitung der Kinder kann nicht nur durch Therapeut*innen gestaltet werden, sondern benötigt ein großes Wissen der Lehrer*innen und Betreuer*innen.
  • Unterstützte Kommunikation: Bis vor wenigen Jahren waren die Menschen mit verschiedenen Behinderungen in jeweils spezialisierten Orten unter sich untergebracht. Nicht sprechende Menschen, besonders aus dem Autismus-Spektrum, waren z. B. in Harduf nicht anwesend. Das ändert sich jetzt allmählich und daher muss man auf diese neue Art der Anforderungen in den Einrichtungen eingehen.
  • Spirituelle Arbeit: Da es in Israel keine Anthroposophische Gesellschaft gibt, sind die Einrichtungen sehr auf ihre eigenen Ressourcen bezogen und genießen keine Unterstützung durch eine aktive Zusammenarbeit in Gremien, die in Zweigen oder in Angeboten einer Anthroposophischen Gesellschaft stattfinden. Das hat zur Folge, dass das Bewusstsein um diese Kraftquelle sehr gering ist.
  • Junge Mitarbeiter*innen: In Harduf speziell gibt es sehr viele junge Mitarbeitende, die sich über eine gezielte anthroposophisch-fachliche Weiterbildung in Heilpädagogik und Sozialtherapie sehr freuen würden. Wenn das entwickelt werden könnte, wären hier langfristig Mitarbeitende gewonnen.
  • Autismus aus der anthroposophischen Menschenkunde entwickelt interessiert die Kolleg*innen sehr.
  • Insgesamt wünscht man sich eine/einen Mediziner*in mit psychiatrischem und anthroposophischem Wissen im Land. Es wurde gefragt, ob es nicht jemanden in Rente gäbe, der sich über ein Auslandsjahr freuen könnte!

Ich habe sehr aufregende Tage in Israel erlebt, mit viel Freude, mit engagierten Mitarbeitenden mit vielen Fragen und Mut, neue Aufgaben anzugehen und in eine sich verändernde Zukunft zu schauen.
Dieser Kreis der Einrichtungsvertreter*innen wird im Laufe des Jahres eine Person auswählen, die bei der Ausbildertagung in Kassel künftig teilnehmen möchte und eine*n neue*n Delegierte*n für den Council benennen, da Yftach Ben Sha aus Quar Rafael nach über 10 Jahren seine Aufgabe abgeben möchte.
Bedauerlicherweise konnte ich ausgerechnet diese Einrichtung Quar Rafael wegen der Bestimmungen der Gesundheitsbehörde für deutsche Staatsbürger – in Zeiten des Corona-Virus musste ich die Reise am 5. Tag abbrechen – nicht mehr besuchen.

Ich freue mich, wenn ich Sie als Leser*innen für dieses besondere Land neugierig machen könnte und begrüße es, wenn Sie sich angesprochen fühlen, mitzuarbeiten an einem der aufgelisteten Themen. Nehmen Sie gerne mit mir Kontakt auf.

Sonja Zausch





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